23.01.12
Folgender Zeitzeugenbericht ist dem Buch „Bomben über Dresden“ (2001) von Franz Kurowski entnommen:
Als die Alarmsirenen heulten, war der Dresdener Bahnhof voller Menschen. Die beiden Stockwerke – das obere für die Fernzüge und das untere für den Nahverkehr – wurden von Flüchtlingen und Heimkehrern völlig verstopft. Es war kaum noch ein Durchkommen für die Bediensteten.
Im Untergeschoss standen allein vier Flüchtlingszüge, die auf die Weiterfahrt warteten. Aber da diese Unterstation ein Kopfbahnhof war, hätten die Züge alle in einer Richtung wieder ausfahren und durch das Gewirr der Stellwerke und Gleisanlagen zu den einzelnen Zielen geleitet werden müssen. Da nicht sicher war, ob nicht einige Stellwerksanlagen durch die ersten Bombenabwürfe beschädigt worden waren, hatten alle Züge im Bahnhof zu bleiben.
In den Kellern und Gängen herrschte das Chaos. Tausende Menschen, überwiegend Flüchtlinge, waren hier auf engstem Raum zusammengedrängt. Sie alle vernahmen das grelle Kreischen der niedersausenden Bomben und die harten Einschläge, die den ganzen Bahnhof in wilde Schwingungen zu versetzen schienen. Es wurde heiß und erstickend. Die Unterkellerung des Hauptbahnhofs wies keinerlei Entlüftungsanlage auf. Die wurde vielen Hunderten in dem völlig überfüllten Keller zum Verhängnis. Die Menschen ergaben sich in ihr Schicksal, zumal über ihnen die Hölle los war und die Einschläge immer dichter fielen.
„Was ist denn mit unserer Flak?“, fragte einer der alten Männer, die in dem Raum Zuflucht gefunden hatten. „Die steht jetzt bei Brüx“, konnte ein junger Flakhelfer berichten, der in der Kaffeeküche des Bahnhofs Dienst gehabt und die Flüchtlinge mit Suppe und Kaffee zu versorgen hatte.
Kinder rangen keuchend nach Atemluft, sie weinten und ihr Weinen wurde von röchelnden Lauten überdeckt, wenn sie mit rasselnden Lungen nach Luft schnappten. Das qualvolle Röcheln hallte wie Todesschrei durch den Luftschutzkeller. Ebenso erging es den Menschen, die den provisorischen Luftschutzraum auf dem Bismarckplatz aufgesucht hatten. Auch hier am Hauptbahnhof war kein Entlüftungssystem installiert worden. Auch hier kämpften die Menschen voller Entsetzen um jeden Atemzug, auch hier erstickten sie zu Hunderten.
Da es in der Bismarckstraße keinen Notausstieg gab, war es für die Retter, die unmittelbar am Ende des Bombardements ans Werk gingen, zunächst unmöglich, an die Menschen heranzukommen, weil der Hauptausgang verschüttet worden war. Beherzte Männer, darunter eine Pioniergruppe, die Major Hugo Eichhorn, Kommandeur der Ersatzabteilung eines Pionier-Regimentes, unmittelbar nach Ende des ersten Angriffs dorthin befohlen hatte, konnten schließlich den Eingang freischaufeln und die noch lebenden Menschen herausholen.
Mit dem Gros der Männer aber war Major Eichhorn unmittelbar nach dem von ihm beobachteten Abflug der Bomber aufgebrochen. Er hatte bereits während des Angriffs aus dem Splittergraben am Ende des Kasernengeländes die Brände erkannt und konnte sie alle lokalisieren. Mit seinem Adjutanten stellte er die einzelnen Rettungstrupps zusammen und ließ sie in die Stadt abrücken. Sie hatten alles an Pioniergerät dabei, was sie bei solchen Bergungsarbeiten benötigen.
Vor dem Bahnhof, in einiger Entfernung zu dem Gebäude, stand ein D-Zug-Wagen, der an einen der nach Westen abgehenden Züge angekoppelt und abgefahren werden sollte. Die Rangierlock war mit Beginn des Angriffs stehen geblieben. Ebenso auch dieser Wagen, in dem sich etwa sechzig Kinder aus dem nahe gelegenen Kinderlandverschickungsheim befanden, die mit ihrem Lehrer auf den Weitertransport nach Westen warteten. Als die ersten Sprengbomben fielen, der ganze Wagen wie ein Boot auf hoher See schwankte, als die ersten Fenster zerplatzten und der grelle Lichtschein der aufzuckenden Brände durch die Nacht stach, begannen die Kinder zu weinen. Ihr Lehrer versuchte sie zu beruhigen.
Das Bombardement steigerte sich von einer Minute zur anderen zu einem wilden Crescendo der Vernichtung. Dann hagelte es Brandbomben vom Himmel, und auch Phosphorkanister wurden abgeworfen. Einer davon traf das Wagendach, und Sekunden darauf floss eine grünlich schillernde Masse durch eines der Fenster ins Wageninnere.
Ein Luftwaffenoffizier, der den Bahnhof und das Gelände inspizierte, riss die erste Abteiltür auf und rief: „Der Wagen brennt schon. Alles hier raus! Alles in den Bunker hinter dem Bahndamm.“ - „Also, Kinder, gehen wir. Alle beieinander bleiben. Einer fasst den anderen an. Dass mir keiner verloren geht“, bemühte sich der Lehrer um einen forschen Ton. Sie verließen die Abteile, sprangen von der untersten Stufe auf den Schotter des Bahnkörpers, fassten einander an den Händen und stolperten zum Bahndamm hinüber, wo für sie Sicherheit sein würde.
Als sie am Bahndamm ankamen und den Bunker betreten wollten, wurden sie abgewiesen. „Kein einziger Platz mehr frei. Gehen Sie weiter nach Westen. In etwa 1.000 Meter Entfernung ist ein Graben, der als Splittergraben dienen kann.“ - „Kommt, Kinder! Keine Müdigkeit vorschützen“, rief der Lehrer und nahm einen der Kleinsten auf die Schulter und zwei weitere an beide Hände. Solcherart „ausgelastet“ schritt er seiner Klasse voraus, an deren Ende er die beiden Ältesten, Kalle Peters aus Hamburg und Jochen Stock aus Trier, gestellt hatte, um alle Schäflein zusammenzuhalten. Es gelang ihnen, den nächsten Schutzraum weiter im Westen zu erreichen. Hier waren sie in Sicherheit.
Mit dem Haupttrupp arbeitete sich Major Eichhorn mitten in das Zentrum des Untergangs vor. Sie kämpften sich durch die brennenden Straßen zu einem der wenigen Luftschutzkeller durch und befreiten die dort eingeschlossenen Menschen. Weiter vorstoßend sahen sie die Bilder des Grauens. Menschen, die sich an Eisengeländer festklammerten, um nicht von dem Sog fortgerissen zu werden, verbrannten sich die Hände und Arme. Wenn sie losließen, würden sie wie Blätter vom Wind weitergerissen. Sie kamen an verschütteten Kellern vorbei und leisteten Hilfestellung bei der Bergung. Sie gaben nicht auf, auch wenn sie durch dichten Rauch steigen und unter halb herabgestürztem Mauerwerk nach Verschütteten suchen mussten, selbst in der drohenden Gefahr, jederzeit von weiteren herabstürzenden Gesteinsmassen vernichtet zu werden.
Einer der kleineren Rettungstrupps, der zu einem unter Wasser geratenen Keller gerufen wurde, musste dort die Ertrunkenen aus dem heißen Wasser herausholen. Es war ein fürchterlicher Anblick, inmitten der Flammenhölle auf solche Weise ums Leben gekommene Menschen zu bergen. Junge Mädchen des Reichsarbeitsdienstes, die in ihrem provisorischen Kellern untergekrochen waren, wurden verschüttet, einfach ausgelöscht. Andere Gruppen hatten durch nahebei einschlagende Minenbomben scheinbar keinerlei Verletzungen davongetragen. Nur dass ihre Lungen von dem Luftdruck zerrissen worden waren.
Als dann die Rettungstrupps sich bis zum Hauptbahnhof vorgekämpft hatten, fanden sie dort nichts als Tote, Verstümmelte und zerrissene Körper vor. Wie viele es waren, konnten sie nur schätzen. Major Eichhorn machte sich Notizen über die ungefähre Anzahl derselben, die seine Pioniere auf die einzelnen Leichenberge förmlich stapelten, weil sonst kein Platz mehr vorhanden sein würde. Noch ahnten sie nicht, dass dieses noch nicht das volle Grauen dieser Nacht sein würde. Noch hoffte jeder, dass dieser grausame Schlag gegen ihre Stadt und gegen sie alle das Ende des Terrors gewesen sein möge.
Aus diesem Anlass finden sich jährlich am 13. Februar Menschen aus ganz Deutschland und Europa zu einem Gedenkmarsch zusammen, um an die Toten von Dresden - die 1945 im Bombenhagel der kriegslüsternen Westmächte gnadenlos dahingemordet wurden - zu erinnern. Alle weiteren Einzelheiten und Auskünfte rund um die Veranstaltung findet ihr unter www.gedenkmarsch.de

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